Spannungen bearbeiten statt schweigen

  • vor einigen Jahren

In unserem Team hat es einen wahrnehmbaren Unterschied gemacht, als wir angefangen haben von Spannungen zu sprechen. Hier möchte ich dir erklären, woran das liegt.

Natürlich gibt es auch andere Begriffe, die man dafür verwenden kann: Probleme, Störungen, Schmerzen, etc. In unserem Team haben wir uns am schnellsten an den Begiff „Spannung“ gewöhnen können.

Grundhaltung bei Spannungen

Es gibt zwei grundlegende Haltungen, die wir im Team bezogen auf Spannungen einnehmen.Wenn ein Mitglied des Team eine Spannung wahrnimmt, dann ist dies erstmal absolut und nicht in Frage zu stellen. Unser Interesse gilt der wahrgenommenen Spannung, um diese zu verstehen können sehr wohl Fragen gestellt werden. Wir wollen herausfinden seit wann die Spannung besteht, was sie auslöst, wie stark sie empfunden wird und so weiter. Es geht erstmal nur darum die Gedanken des Anderen zu verstehen. Oftmals liegt darin schon eine so wohltuende Wirkung, dass die Spannung nach der Klärung nicht mehr als erdrückend wahrgenommen wird.
Die zweite Grundhaltung bezogen auf Spannungen besteht darin, dass wir als Team die wahrgenommenen Spannungen beseitigen wollen. Das bedeutet nicht, dass man mit dem Zauberwort „Spannung“ alles bekommt, was man möchte. Aber eben genau das was man braucht, um seinen Beitrag zum Teamerfolg zu leisten oder um die Leistungsfähigkeit des Teams zu erhöhen. Es ist im Team also nicht egal, wenn jemand eine Spannung hat.

Effekt

Allein die Benennung als „Spannung“ und die beiden Grundhaltungen haben zu Veränderungen in unserem Team geführt. Es ist nun viel einfacher geworden Dinge anzusprechen, die einen selbst belasten oder stören. Man muss eine Spannung nicht mehr verteidigen oder begründen, sondern nur noch darlegen – das ist empfunden eine große Erleichterung. Auch, dass es eine Aufgabe des gesamten Teams ist, Spannungen zu minimieren nimmt viel Druck von den Teammitgliedern. Schwierigkeiten, die ein Teammitglied allein lösen kann, tauchen gar nicht als Spannung auf.

Durchführung

Wir führen jede Woche ein Team-Meeting durch. Schon während des Meetings sammeln wir die Spannungen. Spätestens wenn alle anderen Punkte im Meeting besprochen sind, dann tragen wir unsere Spannungen zusammen. Im Team geheen wir dann eine Spannung nach der anderen durch: der Spannungsgeber erklärt seine Spannung, dann suchen wir gemeinsam eine Lösung.

Meistens lösen wir die Spannung nicht direkt im Meeting, aber wir vereinbaren einen ersten Schritt, der dafür tauglich ist, zum Beispiel: suchen wir einen gemeinsamen Termin in den Kalendern, jemand erklärt sich bereit ein Konzept zu erstellen oder ein anderes Teammitglied zu unterstützen, stellt Informationen zur Verfügung.

Effekte

Die Bearbeitung von Spannungen finden regelmäßig ihren Platz im Team, darauf können wir uns verlassen. Daher ist es kein Problem die Ausführungen des Chefs zu unterbrechen mit der Frage, ob er gerade dabei sei eine Spannung zu bearbeiten. Manchmal steckt man in einem Thema und dann ein Teammitglied wird immer aufgeregter, lauter und ausführlicher. Das ist ein guter Zeitpunkt ganz ruhig und ohne Vorwurf zu fragen: „du wirkst auf mich, als ob du eine Spannung in dem Thema hast“. Anfangs waren wir von solchen Fragen peinlich berührt und haben dies spontan geleugnet. Darüber sind wir inzwischen hinweg. Nun führt das eher dazu, dass die Person zunächst mal reflektiert. Meistens hat sie eine Spannung und hat es zunächst nicht bemerkt. Das ermöglicht eine viel direktere und offenere Kommunikation.

Das klingt alles sehr einfach: ein Wort, zwei Grundhaltungen. Unser Team war sehr offen für diese Veränderung und dennoch haben wir etwa 3 Monate gebraucht, bis es eine Selbstverständlichkeit geworden ist, eine Spannung haben zu dürfen.

Ich möchte dich ermuntern es selbst auszuprobieren und in den Kommentaren über deine Erfahrungen zu berichten.

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